Als Arbeitskreis Umwelt und Landwirtschaft der CDU-Landtagsfraktion Sachsen führte uns unsere diesjährige Informationsreise nach Island. Auf den ersten Blick scheinen die Unterschiede zwischen Sachsen und der Insel im Nordatlantik größer kaum sein zu können: Vulkane, Gletscher, nur rund 400.000 Einwohner und eine Landwirtschaft unter extremen klimatischen Bedingungen.

Doch gerade deshalb war die Reise so wertvoll. Denn viele der Fragen, die Landwirte, Wissenschaftler und politische Entscheidungsträger in Island beschäftigen, ähneln erstaunlich stark den Herausforderungen, die wir auch in Sachsen diskutieren: Ernährungssicherheit, Generationenwechsel in der Landwirtschaft, Klimaanpassung, nachhaltige Energieversorgung und die Zukunft des ländlichen Raumes.

Ernährungssicherheit als nationale Aufgabe
Bei unserem Austausch mit dem isländischen Bauernverband wurde schnell deutlich, welchen hohen Stellenwert die Versorgung der Bevölkerung mit heimischen Lebensmitteln besitzt. Aufgrund der geografischen Lage und der klimatischen Bedingungen kann Island viele Produkte nicht vollständig selbst erzeugen. Gleichzeitig besteht ein großes Interesse daran, die Abhängigkeit von Importen möglichst gering zu halten.

Während Fisch ein bedeutendes Exportgut ist, werden viele landwirtschaftliche Erzeugnisse vor allem für den heimischen Markt produziert. Bei Rindfleisch liegt der Selbstversorgungsgrad bei etwa 60 Prozent, bei Tomaten und Gurken sogar deutlich höher. Dennoch wird intensiv darüber diskutiert, wie die heimische Produktion weiter gestärkt werden kann.

Dabei begegneten uns auch bekannte Herausforderungen: fehlende Hofnachfolger, wirtschaftlicher Druck und ein hohes Durchschnittsalter der Betriebsleiter. Mit durchschnittlich 65 Jahren stehen viele Landwirte kurz vor der Frage, wer ihren Betrieb künftig weiterführen wird.
Landwirtschaft mit Erdwärme
Besonders beeindruckend war die Nutzung der Geothermie. Die natürliche Erdwärme ermöglicht es, Gewächshäuser ganzjährig zu betreiben und damit die kurze Vegetationsperiode auszugleichen. Während Kartoffeln im Freiland oft nur eine Wachstumszeit von rund vier Monaten haben, können in beheizten Gewächshäusern Tomaten, Gurken oder Zucchini unabhängig von den Außentemperaturen angebaut werden.

Hier zeigt sich eindrucksvoll, wie Innovation und natürliche Standortvorteile zusammenwirken können. Gleichzeitig wurde deutlich, dass technologische Möglichkeiten allein nicht ausreichen. Auch in Island stellt sich die Frage, welche Investitionen wirtschaftlich tragfähig sind und wie staatliche Förderprogramme sinnvoll gestaltet werden können.
Der lange Weg zurück zum Wald
Ein weiterer Schwerpunkt unserer Reise war der Austausch mit dem isländischen Forstverband. Kaum bekannt ist, dass Island einst zu 45 Prozent bewaldet war. Durch jahrhundertelange Abholzung schrumpfte dieser Anteil bis zum Ende des 19. Jahrhunderts auf lediglich rund ein Prozent.

Seit über hundert Jahren wird deshalb systematisch aufgeforstet. Anfangs stand die Holzgewinnung im Vordergrund, inzwischen spielen auch Bodenschutz, Erosionsbekämpfung und Klimaanpassung eine wichtige Rolle. Besonders interessant war die Diskussion darüber, welche Baumarten künftig gepflanzt werden sollen.

Während viele Isländer ausschließlich auf heimische Arten wie Birke oder Eberesche setzen möchten, vertreten andere die Auffassung, dass widerstandsfähigere Baumarten notwendig sind, um den zukünftigen klimatischen Bedingungen gerecht zu werden. Eine Debatte, die auch in Deutschland und Sachsen geführt wird.
CO₂ aus der Luft holen und dauerhaft speichern
Ein weiterer Höhepunkt war der Besuch der Unternehmen Climeworks und Carbfix. Hier wird eine Technologie eingesetzt, die weltweit Aufmerksamkeit erregt: Kohlendioxid wird direkt aus der Umgebungsluft gefiltert und anschließend dauerhaft im Untergrund gespeichert.

Das Verfahren nutzt die erneuerbare Energie des benachbarten Geothermiekraftwerks. Das abgeschiedene CO₂ wird mit Wasser vermischt und in tief liegende Basaltschichten gepresst. Dort mineralisiert es und wird innerhalb weniger Jahre wieder zu Gestein.

Die Dimensionen sind beeindruckend: Bis 2030 sollen Millionen Tonnen CO₂ dauerhaft gebunden werden. Gleichzeitig wurde deutlich, dass noch viele Fragen offen sind – etwa zur langfristigen Nutzung geeigneter Speicherstandorte oder zur Übertragbarkeit auf andere Regionen Europas. Besonders interessant war dabei die Einschätzung, dass auch Teile Sachsens, etwa Regionen der Lausitz oder des Erzgebirges, geologisch Potenzial für solche Technologien besitzen könnten.
Energie aus dem Inneren der Erde
Wie konsequent Island seine natürlichen Ressourcen nutzt, zeigte der Besuch eines Geothermiekraftwerks. Die Erdwärme liefert einen wesentlichen Teil der Energieversorgung des Landes. Strom wird nahezu vollständig aus erneuerbaren Quellen erzeugt. In den urbanen Regionen stammt die Wärmeversorgung sogar vollständig aus erneuerbaren Energien.

Gerade vor dem Hintergrund der deutschen Energiedebatte war es spannend zu sehen, wie eine konsequente Nutzung regionaler Potenziale zur Versorgungssicherheit beitragen kann.

Ich war sehr überrascht, dass Island, um weitere Energiedefizite auszugleichen, in Zukunft vermehrt auf Windkraft setzen wird, weil der Bau deutlich preiswerter ist, als der Bau eines Geothermiekraftwerkes. Gerade im Norden soll das in den nächsten Jahren verstärkt passieren.
Kreislaufwirtschaft in der Praxis
Wie nachhaltige Landwirtschaft im Alltag funktionieren kann, erlebten wir auf einer Champignonfarm. Dort werden ganzjährig Pilze produziert – nahezu ausschließlich für den isländischen Markt.

Besonders beeindruckend war der geschlossene Kreislauf: Die Komposterde wird nach jedem Produktionszyklus hygienisiert und anschließend als hochwertige Pflanzerde weiterverwendet. Nichts wird verschwendet. Der Dünger stammt von benachbarten Betrieben, die Ernte erfolgt vollständig per Hand. Die Arbeit der Beschäftigten machte deutlich, wie viel Einsatz hinter regionalen Lebensmitteln steckt.
Forschung als Schlüssel für die Zukunft
Den Abschluss bildete der Besuch der Landwirtschaftsuniversität Islands. Mit rund 500 Studierenden zählt sie zu den kleinsten Universitäten Europas und verbindet wissenschaftliche Forschung mit praxisnaher Ausbildung.

Hier wird unter anderem an Ernährungssicherheit, Bodenschutz, Feuchtgebietsrenaturierung und digitalen Technologien für die Landwirtschaft geforscht. Besonders spannend war die Arbeit mit sogenannten „virtuellen Zäunen", bei denen Tiere durch digitale Systeme statt durch klassische Einzäunungen gelenkt werden.
Die Universität arbeitet eng mit europäischen Partnern zusammen und ist Teil internationaler Forschungsnetzwerke. Der Austausch über Ländergrenzen hinweg wird dort als entscheidender Erfolgsfaktor angesehen – eine Erkenntnis, die wir uneingeschränkt teilen.
Unser Fazit
Island hat uns gezeigt, dass auch unter schwierigen natürlichen Bedingungen innovative und nachhaltige Lösungen möglich sind. Gleichzeitig wurde deutlich, dass viele Herausforderungen universell sind: die Sicherung der Lebensmittelversorgung, die Zukunft landwirtschaftlicher Familienbetriebe, die Anpassung an den Klimawandel und die Frage, wie neue Technologien sinnvoll eingesetzt werden können.

Vor allem aber hat die Reise eines verdeutlicht: Der direkte Austausch mit Landwirten, Wissenschaftlern, Unternehmen und Verbänden eröffnet neue Perspektiven und liefert wertvolle Impulse für die politische Arbeit in Sachsen.

Nicht jede isländische Lösung lässt sich eins zu eins übertragen. Aber viele Ideen regen zum Nachdenken an – und genau das macht solche Arbeitsreisen so wertvoll.
